Dienstag, 26. August 2014

Wie oft werde ich angesprochen auf meine Tochter mit Handicap

Es ist schon einige Jahre her, als wir spazieren waren. 

Meine Tochter mit Handicap hatte ihr Liegedreirad dabei, mit dem sie selbständig Rad fahren kann, während ich spazieren ging. 
Ab einem gewissen Punkt lasse ich meine Tochter, trotz Behinderung alleine mit dem Rad fahren, da ich weiß, das sie es grundsätzlich kann.

Denn das Phänomen das wir haben ist, meine Tochter ist gesund geboren worden. Aus meiner Sicht kann sie einige Dinge sehr gut, wenn man diese mit ihr trainiert, ihr Kontinuität und Vertrauen gibt. 

Sie war auf einer Schule für Körperbehinderte mit Internat, in dem man sich auf ihre Stärken konzentrierte und schaute, was sie kann. 
Sie hat unter anderem einen ausgesprochen guten Orientierungssinn, weshalb also sollte meine Tochter die ganze Zeit neben mir fahren, während ich lief?

So passierte es regelmäßig das Menschen aus dem Ort in dem ich lebe mich aufgeregt und fassungslos ansprachen, das meine Tochter ja weit voraus fahren würde - so nach dem Motto: sie müsse ständig neben mir und unter meiner Aufsicht sein.

Einmal unterhielt ich mich mit einer Mutter eines von Geburt an behinderten Sohnes, die mir erzählte, das er in ihrer Wohngegend der einzige behinderte Junge sei, der auf der Straße spiele, obwohl noch weitere behinderte Kinder in der gleichen Straße leben.

Es herrscht scheinbar immer noch das Vorurteil, das behinderte Menschen unter ständiger Kontrolle der Eltern zu leben haben, worüber ich heute wirklich den Kopf schütteln kann.

Ein anderes Mal waren wir am Bodensee, in Friedrichshafen und dort erlebte ich, was ich mir eigentlich immer sehr wünsche: an jeder Ecke der Stadt ein Rollstuhl, eine Gruppe mit behinderten Menschen. Das war dort Normalität und dort war ich diejenige die irritiert war, aber an meiner Irritation merkte ich, die vielfältige Lebendigkeit, von allem das einfach sein darf.

Im Umgang mit ihr gibt es einige Dinge zu beachten, das ich z.B. wenn ich eine Radtour mit ihr mache, mit ihr vorher klar die Verkehrs- und Umgangsregeln zwischen uns beiden bespreche, weil sonst sehr viele Frusterlebnisse sie demotivieren. 
Das wir während der Radtour alleine fahren, keines ihrer Geschwister mit fährt, da sie ansonsten extrem schnell abgelenkt ist, durch deren Fahrstil.

Einerseits ist meine Tochter sehr selbständig - und es gibt Bereiche, in denen sie sehr viel kleine, einfache Hilfestellungen benötigt, die weder auf den 
1. noch  auf den 2.Blick spürbar ist und den Familienmitglieder, die weniger häufig mit ihr zu tun haben, völlig irritieren kann, da sie mehr Selbständigkeit voraussetzen, in Bereichen, in denen meine Tochter mehr indirekte Unterstützung benötigt. 

So passiert es seit 3 Jahren ständig, das ich von sehr vielen aus unserem Ort angesprochen werde, da meine Tochter morgens alleine zu ihrer Bushaltestelle geht, an der sie zur Arbeit abgeholt wird, das ich mehrfach mit einem gewissen Unterton angesprochen werde darauf, das sie alleine dort hin läuft... 

So erst wieder in einem Gespräch mit der Oma, die gar nicht weiß, was wir alles trainieren, damit meine Tochter irgend wann einmal ein so selbständiges Leben wie möglich leben kann, vielleicht einmal in einer Zweier - WG. 
Die Oma die erstaunt war, darüber, das wir Bus fahren üben und die meinte, meine Tochter wäre doch in der Zeit im Internat damals alleine in Freiburg gewesen, ohne Erzieher.....oder ihr Vater, der schon nach einer Stunde Umgang mit ihr, an alle seine Grenzen stösst und sie dann lieber wieder so schnell wie möglich nach Hause bringt ...

Wie oft begegne ich Menschen in meinem Umfeld, die keine Ahnung haben von der indirekten Arbeit, die ich tagtäglich einfach leiste, ohne lange darüber zu reden, weil es mein Alltag ist für mich. 

Ebenso selbstverständlich ist es für mich bei einem Treffen mit einer mir sehr lieben Freundin Silke Naun Bates, nicht einzugreifen und sie zu bevormunden, nur weil sie im Rollstuhl sitzt, sondern ihr einfach meine Hilfe anzubieten und abzuwarten.  

Die Kunst dabei ist jedes Mal meine eigene Hilflosigkeit zu fühlen und es aushalten zu können, bis ich signalisiert bekomme, wann meine Hilfe wirklich benötigt wird ;-). 
 






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